West Virginia: Von den Appalachen nach Charleston

Mai 2018

Über die anmutige Landschaft der Appalachen kommen wir nach West Virginia. Über Smartphone hören wir John Denver: Country roads, take me home / To the place I belong / West Virginia, mountain Momma / Take me home, country roads.
Der Staat trennte sich während des Amerikanischen Bürgerkrieges von Virginia. Während die Plantagenbesitzer in Virginia für die Sklavenhaltung waren, fühlten sich die Kleinbauern im Westen der Union der Nordstaaten zugehörig – und der Norden war an den Bodenschätzen interessiert.

West Virginia bedeutet Bergbau: Kohle, Erdgas, Erdöl. Die Bevölkerung des Staates zählte schon immer zu den Ärmsten der USA und wurde durch den Niedergang des Bergbaus noch ärmer. Natürlich gibt es auch immer andere Aspekte und in den Städten auch Wohnviertel, in denen eine normale und auch eine gut situierte Bevölkerung lebt. Wenn man sich aber die Seite der von Armut Betroffenen ansieht, ist diese hier besonders sichtbar.

Diese Wohnwagenhäuser sieht man überall in den USA, aber hier in West Virginia gibt es größere Siedlungen und die einfachen Mobilhomes sind weniger gepflegt. Es hat etwas von einer Aussteigerszene, wobei der große Unterschied ist, dass der Ausstieg nicht selbst gewählt wurde sondern ein Zustand der wirtschaftlichen Situation ist. Zu der Armut kommt ein großes Drogenproblem. In der Stadt Huntington etwa – es ist die zweitgrößte Stadt des Bundesstaates – sollen ein Viertel der Bevölkerung drogenabhängig sein.

Die traditionellen Innenstädte sind oft verlassen. Während man in Virginia versucht, die Städte zu renovieren und sie zu aktivieren, scheinen sie hier im Nachbarstaat aufegeben zu sein. Häuser sind immer wieder mit Spanplatten vernagelt und es macht nicht den Eindruck, als ob sie irgendwann wieder bezogen werden.

Vor vielen Wohnhäusern und anderen Objekten stehen Schilder mit der Mitteilung, dass sie zu verkaufen oder zu vermiten sind. Aber es gibt die Menschen nicht, die hier investieren wollen. Die Menschen, die den Staat nicht verlassen haben, greifen scheinbar nach jedem Strohhalm in der Hoffnung, dass sich etwas ändert. Trump erhielt in allen Countys – sie entsprechen unseren Landkreisen – die absolute Mehrheit: make West Virgina great again!

Im kleinen Örtchen Orma machen wir eine Pause. Nur ein Flachdach auf ein paar Pfeilern erzählt davon, dass es hier auch mal eine Tankstelle gab. Im einzigen Restaurant hält eine junge Frau den Laden am Laufen. Sie wundert und freut sich, dass wir aus Deutschland nach West Virginia kommen und hier in ihre kleine Gaststätte. Überhaupt sind die Menschen sehr freundlich und zugewandt. Tourismus gibt es hier nicht viel. Die junge Frau möchte auch mal reisen, auch mal nach Deutschland kommen. Aber ihr Freund und ihre Familie wollen nicht verreisen und so ganz alleine würde sie es auch nicht tun.

Die Hauptstadt Charleston ist im Zentrum ähnlich verödet wie die anderen Städte, die wir besuchten. Über den Kanawha River leuchtet die goldene Kuppel des State Capitols. Mit 89 Metern ist es das höchste Gebäude des Staates West Virginia und es ist sogar höher als das Capitol in Washington. Wir besuchen das State Capitol an einem Sonntag und laufen nach der Eingangskontrolle etwas ziellos durch die Gänge des Gebäudes. Außer uns scheint niemand hier zu sein. Und ich kann leider kein Foto von der Kuppel von innen machen, da sie gerade renoviert wird. Plötzlich steht ein Mann neben uns. Es ist der Hausmeister und er fragt uns, ob wir die Kuppel von oben sehen wollten. Natürlich wollten wir das!

Und so beginnt ein abenteuerlicher Aufstieg hinter versteckten Türen, auf Wendeltreppen und Leitern. Es geht immer höher und höher und wir betreten schließlich einen Zwischenraum, der die Kuppel, die von unten im Gebäude zu sehen ist, von oben zeigt. Diese Kuppel wird wiederum von einer Holzkonstruktion überspannt , die die von außen sichbare, goldene Kuppel trägt. In diesem Zwischenraum ist wieder eine Treppen-Leiter Konstruktion, die uns ganz oben in die Spitze des Gebäudes führt.

Hier oben verlassen wir das Gebäude wieder und stehen im oberen Ring unterhalb der Spitze. Es windet sehr und das Geländer ist gefühlt nicht besonders hoch. Der Blick nach unten dafür umso höher und so ganz wohl ist uns nicht mehr. Doch von hier haben wir einen tollen Blick auf die Stadt. Aus dieser Perspektive hatten wir bisher kein Capitol gesehen und es ist sicher eine der bleibenden Erinnerungen an West Virginia.