Palermo 1 | Nordöstlich der Via Vittorio Emanuele

Quattro Canti

Vier barocke Palästen umgeben den Quattro Canti mit konkaven Fassaden und bilden mit der Kreuzung der Straßen Vittorio Emanuele und Maqueda ein geschwungenes Achteck. Die symmetrisch gestalteten Paläste verfügen jeweils über einen Brunnen, über denen Figuren die Jahreszeiten symbolisieren. Eine Etage höher blicken Könige der im 17. Jahrhundert auf Sizilien herrschenden spanischen Krone auf Flanierende, Musikcombos und wartende Kutschen. Die Figurenquartette werden in den Obergeschossen durch Schutzheilige der Stadt ergänzt.
Der Quattro Canti wird immer wieder Ausgangs- und Bezugspunkt unserer Stadterkundung von Palermo sein. 

Via Vittorio Emanuele

Vom Quattro Canti gehen wir östlich in die Via Vittorio Emaunele, die älteste Straße der Stadt. Sie wurde im Jahr 971 unter dem Namen Cassaro angelegt. Noch heute sprechen die Menschen vom Cassaro, wenn sie die nach dem ersten italienischen König Viktor Emanuel II. umbenannte Straße meinen.
Hier treffen wir bereits auf eine Eigenheit Palermos: für viele Straßen, Plätze und Gegenden gibt es mehrere Namen und so kann es passieren, dass man zunächst nicht verstanden wird, wenn man sich nach einem auf dem Stadtplan verzeichneten Ort erkundigt. “Ach, Sie meinen den Cassaro.” oder: “Naturalmente, il Corso Vittorio.”

Die gesamte Vittorio Emanuele ist eine Fußgängerzone. Sie wird neben Geschäften von Restaurants und Cafés gesäumt. Und es werden Cannoli präsentiert. Sizilianische Cannoli, von denen jede Familie der Stadt über ein eigenes Rezept verfügen soll. Hier werden sie für die Flanierenden angeboten, die, sollten sie nicht aus Italien kommen, durchaus auch am Nachmittag einen morgendlichen Cappuccino dazu trinken dürfen. Die Einheimischen und die, die dazu gerechnet werden möchten, trinken ihren Caffè, zu dem wir wohl Espresso sagen würden. 

Via Roma

Nach etwa 150 Metern gelangen wir zu einer stark befahrenen Hauptstraße, der Via Roma. Die Straße ist umsäumt mit Geschäften und prächtigen Wohnhäusern, die im Stil der arabisch-normannischer Architektur gestaltet sind. Hier zeigt sich Palermos vielschichtige Vergangenheit. Phönizier, Griechen, Katharer, Römer, Vandalen, Staufer, Normannen, Byzantiner, Aragonier, Spanier, Savoyer, Habsburger, Bourbonen. Sie alle haben hier regiert und hinterließen ihre Spuren.

Auch der italienische Faschismus hinterließ Spuren. An der Via Roma präsentiert sich das Post- und Telegrafenamt in Mussolinischer Architektur.

Mächtige neoklassizistische Säulen führen in den Eingangsbereich eines überhöhten Protzbaus. Angiolo Mazzoni entwarf das von 1926-1934 gebaute Gebäude – ganz im Stil dieser Zeit. Eine faschistische Architektur, die Macht demonstrieren soll, die den Individuen suggerieren soll, wie klein und unbedeutend sie sind. Die Überhöhung setzt sich im Inneren fort. In einer hohen Halle trifft diffuses Tageslicht durch große Bogenfenster. Doch ist es auch ein Bau, der einen Anflug – durchaus problematischer – Moderne in die Altstadt bringt. Moderne oder gar zeitgenössische Architektur gibt es in Palermo kaum zu entdecken.

Dem Postamt gegenüber barockt es wieder. Vom Piazza San Domenico grüßt die gleichnamige Kirche mit angeschlossenem Kloster. Wie so häufig wurde für die Errichtung eine Vorgängerin – an dieser Stelle ein Renaissancebau – abgerissen.
Im Zentrum des Platzes steht Palermos Säule der Unbefleckten Empfängnis zur Huldigung eines Dogmas der katholischen Kirche von 1854, dem an jedem 8. Dezember gedacht wird. Dahinter sehen wir den Palazzo Moncada – heute ein Apartment-Hotel.

Vom Piazza San Domenico führt die Via Maccherronai ins Zentrum des Viertels Vucciria. Trödel- und Gemüseläden wechseln mit Garküchen und Bars. Die Enge fördert Gespräche von Tisch zu Tisch, übertönt von Ausrufen der Marktleute. Eine lebendige Ecke.

Vucciria

Das Viertel Vucciria erstreckt sich von der Via Roma bis zum alten Hafen.

Auf der Piazzetta del Garraffo treffen wir an einer Hauswand auf eine Figur des Genius von Palermo, Wahrzeichen und Schutzpatron der Stadt. Ein alter Mann – Herrscher, Krieger – mit Krone und geteiltem Bart, der eine Schlange hält, die auf seiner Brust frisst oder saugt. In Palermo existieren zahlreiche Darstellungen der Figur, wobei dieser hier, der Genio del Garaffo, einer der bedeutendsten sein soll – geschaffen am Ende des 15. Jahrhunderts von Pietro de Bonitate. 

Hinter der Piazzetta folgt der Platz um den Fontana del Garraffello. Hier können wir den Wandel der Stadt nachverfolgen. Noch heute zeigen sich Baulücken von im zweiten Weltkrieg zerbombten Häusern. Nachbarhäuser scheinen zu verfallen, andere sind mit Planen abgehängt und Baugerüste zeigen, dass hier renoviert wird. Das Viertel ist angesagt und Restaurierungen sicher lukrativ.

Und der Platz zeigt den Umgang mit Müll. Bauschutt und Sperrmüll wird angehäuft und wartet tage- und wochenlang auf den Abtransport. Immer wieder treffen wir auf derartige Schutthaufen und einige sind so vergammelt, dass sie wohl schon Jahre ausharren. Ein Problem Palermos, und wohl ein Problem der Stadtverwaltung mit Interessen der Cosa Nostra.

Wir gehen weiter durch die Gassen der Vucciria und kommen an einer Werbeaufschrift vorbei, die von Bella in Bestia übersprüht wurde – vielleicht ein Statement zum Wandel des Viertels. Um die nächste Ecke kommen wir auf den Piazza San Giacomo La Marina. 

Santa Maria la Nova

Auf dem Platz präsentiert sich die neue Kirche Santa Maria. Neu ist sie, da sie im 16. Jahrhundert die zweihundert Jahre ältere Vorgängerin ersetzte. Äußerlich ist der Bau im gotisch-katalanischen Stil schlicht gehalten, während sie im Inneren wie so viele italienische Kirchen barock ausgebaut wurde. Ein Besucher macht uns auf die Figur der Madonna Addolorata vor dem Kruzifix aufmerksam, die am Karfreitag zur Prozession durchs Viertel getragen wird.

Später werden wir am Hafen eine ähnliche Kirche sehen, die aber im Gegensatz zur Santa Maria la Nova auch im Inneren schlichter gehalten ist.
Zunächst schlendern wir weiter entlang der Gassen in Richtung des alten Hafens. Balkone entfalten den Charme mediterraner Regionen. 

La Cala

Die Bucht, la Cala, bildet den alten Hafen. Und er ist wirklich alt: die Phönizier nutzten ihn schon im 8. Jahrhundert v. Chr. Es liegen heute allerdings kaum noch Fischerboote in der Cala. Der Hafen ist überhäuft mit Segeljachten. Bei der Anzahl bekommen wir den Eindruck, alle Palermitaner*innen verfügen über eine Jacht. Aber wahrscheinlich kommen viele Eigner aus reicheren Gegenden Italiens. Hinter dem Hafen sehen wir den Monte Pellegrino, ein Berg, den wir gegen Ende unserer Stadterkundung besteigen werden.

Falcone und Borsellino

Auf eine Hauswand am Hafen ist ein Bildnis von Giovanni Falcone und Paolo Borsellino gemalt. Die Ermordung der beiden Richter und Mafia-Ermittler im Jahr 1992 sind wohl die bekanntesten Mafiamorde und sie führten zu einer Änderung im Umgang mit der Cosa Nostra. In der Bevölkerung stieg der Widerstand gegen die organisierte Kriminalität und die Aufdeckung der Verstrickung der Politik führte zum Ende der ersten Republik Italiens.
Das Bild von Falcone und Borsellino wurde zum Symbol im Kampf gegen die Mafia. Und auch zum Symbol der Verständigung. Der Sozialist Falcone spricht lächelnd mit dem Kollegen Borsellino, ein Anhänger der Neofaschisten. Sie kämpften für das gleiche Ziel. 
Es gibt heute keinen Grund mehr, Befürchtungen bei einer Reise nach Palermo zu haben. Die Stadt zählt seit einigen Jahren zu einer der sichersten Italiens. Doch es gibt auch weiterhin Attentate, ob in Zusammenhang mit der Mafia ist dabei nicht immer geklärt.

Im Vucciria Viertel wurde am 31. Mai 2021 der 26-jährige Emanuele Burgio erschossen. Die Hintergründe sind bis heute ungeklärt. Es soll um Drogen gegangen sein und der Vater des Ermordeten ist ein inhaftierter Mafiaboss. Im Viertel hängen Portraits von Emanuele Burgio und an der Stelle des Mordes steht ein mit Blumen geschmückter Grabstein.

Santa Maria della Catena

Am alten Hafen thront die Kirche Santa Maria della Catena. Wieder ein gotisch-katalanischer Bau, der allerdings nicht barock ausgebaut wurde. Außen erkennen wir Elemente der Renaissance und die drei Schiffe im Innern stammen aus der normannischen Zeit.
Eine Besonderheit ist das Fresco der Madonna della Catena aus dem 14. Jahrhundert. Das Christuskind, mit erwachsenem Gesicht dargestellt, saugt an der Brust der Maria. Diese Darstellung wurde nach dem Konzil von Trient in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verboten und übermalt. Erst 1990 wurde die Übermalung entfernt, die Seitenteile aber belassen. So zeigt das Gemälde Elemente beider Darstellungen. Vielleicht nicht elegant, doch kunstgeschichtlich interessant.

An der Kirche war früher eine Kette angebracht, eine Catena, um den Hafen zu sperren. Die Bezeichnung der Kirche Santa Maria della Catena geht aber ebenso auf ein als Wunder bezeichnetes Ereignis aus dem Jahr 1392 zurück, als drei an die Kirche gekettete und zu Unrecht verurteilte Palermitaner zur Madonna beteten, diese zu ihnen gesprochen und sie von den Ketten befreit haben soll.
Auf der dem Hafen abgewandten Seite erreichen wir hinter der der Kirche wieder die Via Vittorio Emanuele. Sie führt hier weiter zum Stadttor und an diesem Ende bis zum Meer.

Porta Felice

Wieder auf dem Corso Vittorio Emanuele gehen wir die Straße bis zur Porta Felice. Als die Straße 1581 bis zum Meer verlängert wurde, beschloss die Frau des damaligen Vizekönigs, Donna Felice Orsini, ein Stadttor zu errichten, das später nach ihr benannt wurde. Die Erbauung benötigte über 50 Jahre und so begründet sich ein Stilmix aus der Übergangszeit von der Renaissance zum Barock.
Neben dem Stadttor befindet sich das Nautische Institut Gioeni-Trabia der Universität. Das Institut ist hier seit 1964 ansässig, nachdem der Bereich eines ehemaligen Krankenhauses an der Piazza Santo Spirito umgestaltet wurde.

Gegenüber dem Stadttor geht es zum Meer bzw. könnte es zum Meer gehen, wenn es einen Zugang gäbe. Es ist eine lange Tradition von Palermo, dass die Stadt am Meer gefühlt nicht am Meer liegt, da es keine Zugänge gibt. Im alten Hafen ist das Wasser vor lauter Jachten kaum auszumachen und man findet kein Plätzchen, an dem man einen Eindruck davon bekommt, am Meer zu sein. Es fehlen die Wellen, der Strand, ein salziger Geruch und die sanfte Brise. Um diesen Zustand zu beenden, wird die Promenade umgestaltet.. 

Von einem erhöhten Standpunkt bekommen wir einen Eindruck der Baumaßnahmen.
Auf unserer Stadterkundung gehen wir weiter in südliche Richtung und verlassen damit den Bereich nordöstlich der Via Vittorio Emanuele. Südöstlich führt die Promenade auf eine Grünfläche und wir beginnen mit deren Erkundung das zweite Kapitel, das demnächst erscheint.

2 | Südöstlich der Vittorio Emanuel
– erscheint demnächst –

4 Gedanken zu „Palermo 1 | Nordöstlich der Via Vittorio Emanuele

  1. Der Stadtspaziergang hat mir sehr gut gefallen. Wieder als Auffrischung einer vergangenen Reise. Ich freue mich über neue Spaziergänge.
    Mit Grüßen Anna

  2. Meine wunderbaren Erinnerungen auch noch aus den frühen 60 Gier Jahren, wo ich mit Karl Richter im Münchener Bachchor erstmals Italien kennenlernte, wurden wieder wach.
    Danke für die schönen Bilder und Beschreibungen.
    Ingrid Bücher

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