Rund um den Palermo Centrale

Im dritten Teil starten wir wieder am Quattro Canti und gehen die Via Maqueda bis zum Hauptbahnhof Palermo Centrale, den wir in einem Bogen umrunden wollen.

Fontana Pretoria

Wir gehen vom Quattro Canti die Via Maqueda in Richtung des Palermo Centrale und kommen sogleich auf die Piazza Pretoria. Hier wurden im 16. Jahrhundert mehrere Häuser abgerissen, um Platz für einen überdimensionierter Brunnen zu schaffen, den Fontana Pretoria – erbaut vom Renaissance Bildhauer Francesco Camilliani für eine Villa in Florenz. Auf Geländern von Treppen, die mehrere Ebenen miteinander verbinden, posieren marmorne Statuen der griechischen und römischen Mythologie. 

Da der Brunnen in Florenz keine Begeisterung auslöste, wurde er dort demontiert und nach Palermo verkauft. Doch auch die dortige Bevölkerung war wenig begeistert. Nicht nur, dass die Figuren alle nackt waren, erregte die Gemüter, es waren in den damaligen Zeiten größerer Armut auch enorme öffentliche Gelder, die für den Brunnen ausgegeben wurden. So erhielt das Ensemble den Beinamen Fontana della Vergogna – Brunnen der Schande. Ein Name, den er bis heute behielt. Inzwischen fristet das Ensemble ein eher klägliches Dasein. Dadurch, dass es eingezäunt ist, kann es nicht als Aufenthaltsort genutzt werden und findet somit wenig Beachtung.

Palazzo Pretorio

Der daneben stehende Palast wurde im 15. Jahrhundert als Sitz des Senats von Palermo gebaut und beherbergt heute das Rathaus. Wir betreten das Haus und kommen in einen überdachten Hof, in dessen Mitte darauf hingewiesen wird, dass hier frisch gewischt wurde. Ein Palast als Behörde, sauber und gepflegt und etwas steril mit seinen arrangierten Blumentöpfen vor marmornen Säulen. Im Sommer ein sicher angenehm kühler Ort, an dem sich das Volk gerne empfangen lässt, um Belobigungen des Bürgermeisters entgegen zu nehmen.

Eine breite Treppe führt in die obere Etage, deren Räume durch bespannte Wände, dicke Vorhänge und Polstermöbel vergangener Epochen schon etwas muffiger sind. Im Montalbo-Zimmer gruppieren sich sieben Marmorbüsten ehemaliger Bürgermeister um einen großen Besprechungstisch. Der daneben liegende Saal für die Sitzungen des Gemeinderates heißt Sala delle Lapidi – Saal der Steinplatten, da etwa fünfzig Marmortafeln die Wände schmücken. Darüber ziert den Raum eine Holzdecke aus dem 14. Jahrhundert, bemalt vom Florentiner Maler Tito Covoni.

Und wir kommen ins Büro des Bürgermeisters. Er heißt noch immer bzw. heute wieder Leoluca Orlando und ist eine Institution in Palermo. Orlando ist mit Unterbrechungen seit 1985 Bürgermeister der Stadt. Zwischenzeitlich war er Mitglied im Europäischen Parlament und kandidierte als Präsident Siziliens. Leoluca Orlando kämpft gegen das organisierte Verbrechen, ist aber umstritten, da seine Rolle nicht immer klar wird. Im Jahr 2020 wurde er in zwei Umfragen bewertet: in einer erhielt er den Titel des unpopulärsten Bürgermeisters Italiens, in der anderen wurde er zu einem der beliebtesten Politiker gekürt. 

Besonders in Deutschland erhielt Leoluca Orlando viele Ehrungen: das Bundesverdienstkreuz, den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis, den Deutschen Nachhaltigkeitspreis, den Konrad-Adenauer-Preis und den Heinrich-Heine-Preis. In seinem Büro sehen wir zudem eine Auszeichnung der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. Darüber beobachten gemalte Amoretten und Allegorien das Geschehen des Büros.
Beim Verlassen des Palazzo Pretorio sehen wir aus einem Fenster die roten Kuppeln der Kirche San Cataldo, die an der Piazza Bellini auf der Rückseite des Rathauses liegt.

San Cataldo

Die Piazza Bellini erhielt ihren Namen durch das an diesem Platz stehende und nach Vincenzo Bellini benannte Theater. Markanteste Gebäude sind aber die beiden Kirchen, wobei die Chiesa di San Cataldo mit ihren drei roten Kuppeln eine Besonderheit darstellt. Die Kirche wurde Mitte des 12. Jahrhunderts im arabisch-normannischen Stil erbaut. Dieser Stil einer christlich-islamischen Kultur wird auch Sizilianische Romanik genannt und ist seit 2015 Teil des Weltkulturerbes der UNESCO.

Im Inneren beeindruckt die Kirche durch ihren schlichten Stil. Die byzantinischen Bögen trennen den Innenraum in drei Schiffe, wobei das mittlere durch die drei Kuppeln geprägt ist. Die Marmorsäulen münden in Kapitelle mit floralen Ornamenten. Organische Muster finden sich auch in den originalen Bodenmosaiken aus Marmor und vulkanischem Gestein. Der schlichte Hauptaltar stammt ebenso aus der Zeit der Erbauung und hat aus unserer heutigen Sicht etwas durchaus Modernes.

Die zweite Kirche des Platzes, die Santa Maria dell’Ammiraglio, entstand zur gleichen Zeit wie San Cataldo, wurde aber im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut und erhielt im 17. Jahrhundert eine barocke Fassade über dem Atrium. Wie der hintere Teil des Kirchenbaus, der in seinem Originalzustand aus der normannischen Zeit verblieben ist, zeigt auch der Kirchturm im unteren Abschnitt noch seine Ursprünge aus der sizilianischen Romanik.

Dadurch, dass die byzantinische Innengestaltung ebenfalls barock erweitert wurde, fehlt der Kirche die einfache Erhabenheit ihrer Nachbarin. Die Santa Maria dell’Ammiraglio dient mehr der alltäglichen Liturgie und entspricht wohl eher den Erwartungen an eine Kirche.
Wir gehen von der Piazza Bellini wieder auf die Via Maqueda, die hier bis zu ihrem Ende eine Fußgängerzone bleibt. Die Geschäfte in diesem Teil dienen eher dem alltäglichen Bedarf und sind weniger vom Tourismus frequentiert. Am Ende mündet die Straße auf die Piazza Sant’ Antonino und wir erreichen den Hauptbahnhof Palermo Centrale.

Palermo Centrale

Der Palermo Centrale wurde 1886 eröffnet. Dabei könnte der neoklassizistische Bau am Platz Giulio Cesare auch ein Schul- oder Universitätsgebäude sein. Erst im Inneren zeigt sich die nüchterne Bahnhofsatmosphäre mit der Schalterhalle und den Gleisanlagen. Im Bahnhof laufen Züge aus Rom und Mailand ein, die zwischen dem Festland und Sizilien auf Fähren verladen werden müssen, um auf die Insel zu gelangen. Daneben enden alle Regionalzüge der Insel im Kopfbahnhof der Hauptstadt. Diese Züge halten auch an den zwölf kleineren Bahnhöfen der Stadt und sie könnten vermehrt als S-Bahn dienen, wenn die Palermitaner:innen die Züge häufiger anstatt ihres geliebten Autos nutzen würden.

Es sind einige Züge in die Stazione Palermo Centrale eingefahren, der große Run findet hier aber nicht statt. Palermos Bahnhof ist eher gemächlich. Die Menschen schlendern umher und warten auf ihren Zug oder auf Ankommende, die sie abholen wollen. Gegenüber vom Bahnhof blicken wir auf die mit Türmen und Wappenvögeln begrenzten Gebäude am Ende der Via Roma. Sie beherbergen das Finanzamt der Kommune. Von hier aus startet die Via Roma in nördliche Richtung durch die Innenstadt. Doch wir wenden uns nach rechts und kommen über den Corso dei Mille in den südlichen Stadtteil Settecannoli.

Settecannoli

Entlang des Corso dei Mille stehen ältere Wohnhäuser, die zum Teil verlassen sind und den Eindruck erwecken, als ob sie nur noch abgerissen werden können. Am Fischstand fragen wir uns, ob die Ware wohl von den Fischern aus dem nahen Porticciolo di Sant’Erasmo stammt, den wir in La Kalsa entdeckt hatten. Über die Ponte delle Teste Mozze überqueren wir den Orto, Palermos einzigen Fluss. Er ist mit 22 Kilometern nicht besonders lang, entspringt erst südlich von Palermo und mündet hier ins Tyrrhenische Meer. Mit uns überquert ein Pferd an Radfahrer die Brücke.

Südlich des Flusses beginnt der Stadtteil Settecannoli. Die dort deplatziert auf einer Wiese stehende Brücke Ponte dell’Ammiraglio zeigt, dass der Fluss einst viel mächtiger war. Die mittelalterliche Brücke aus arabisch-normannischer Zeit ist eine Besonderheit, da Flüsse zu der damaligen Zeit in der Regel durch Furten überquert wurden. Die Brücke wurde wie die Kirche San Cataldo ins Weltkulturerbe des arabisch-normannischen Palermos aufgenommen. Wir werden auf unserer Stadterkundung durch Palermo noch auf andere Bauwerke dieser Zeit treffen. Zunächst gehen wir hier weiter in das Viertel außerhalb des Zentrums.

Es ist ein Viertel mit Industrie und einfacher Wohnbebauung. Hierhin werden sich selten Besucher*innen der Stadt verirren. Wir versuchen einen großen Bogen zu laufen, um wieder zum Palermo Centrale zu gelangen. Dabei kommen wir auf das Betriebsgelände der Bahn und passieren Hallen, in denen Züge gewartet werden. Wahrscheinlich ist es nicht wirklich erlaubt, hier entlang zu spazieren, aber da das sowieso keiner macht, wird es auch nicht kontrolliert. Nun, wir machen es und kommen hinter den Werkshallen auf großflächige Gleisanlagen, auf denen Züge geparkt sind. Da wird es uns doch etwas mulmig und wir kehren lieber um.

Traffico

Die Züge lassen uns über den Verkehr der Stadt nachdenken. Und Verkehr meint in Palermo in erster Linie Autoverkehr. Außerhalb der Innenstadt stauen sich die Autos auf den Umgehungsstraßen und das langsame Vorwärtsschleichen während der Rushhour erfordert Geduld. Die Abstände zwischen den Autolawinen sind dabei so eng, dass selbst Motorroller Probleme haben, schnell voran zu kommen. In der Altstadt passen die Autos kaum durch die engen Gassen und manchmal müssen sie rangieren, um die Kurven zu meistern. Da auch die Parkplätze knapp sind, blockieren die Autos und Motorroller Gassen und Überwege und es bleibt die Aufgabe der Fußgänger*innen nach Möglichkeiten zu suchen, wie sie die Gefährte umrunden können.

Das an sich gut ausgebaute Busnetz der Stadt muss sich in die Staus einreihen und kommt daher genauso langsam voran wie die PKWs. Die Busse werden viel genutzt und wenn sie mehr Individualverkehr ersetzen müssten, werden wohl etliche neue gebraucht, um das Aufkommen bewältigen zu können.

Eigentlich wäre Palermo die ideale Radfahrstadt. Die Metropole liegt in einem flachen Tal und ist daher gut zu erradeln. An einigen Straßen gibt es sogar Fahrradwege, aber sie werden nicht befahren. Die einzigen Fahrräder, die wir sehen, werden von Kindern auf Plätzen genutzt. Vielleicht passt das Rad nicht zum Chic der Italiener*innen und es bräuchte eine enorme Veränderung, bis dies möglich ist. Das Fahrrad ist in Italien meist ein Rennrad, welches für den Sport genutzt wird.

Im Viertel Settecannoli treffen wir auf eine Straßenbahn. Die Linie 1 wurde 2015 in Betrieb genommen und verbindet 15 Haltestellen. Daneben gibt es drei weitere Linien im Stadtraum und ein weiterer Ausbau ist geplant. Da die Linien eigene Trassen befahren, sind sie eine gute Alternative und könnten den Verkehr sicher gut entlasten – wenn sie denn mehr genutzt würden. Wir nehmen die Linie 1 und kommen mit ihr zurück zum Palermo Centrale. Von hier ist es nicht weit zum belebteren Viertel Albergheria, dass wir im nächsten Kapitel erkunden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.