Es gibt Tage, an denen sie nicht rausgeht, an denen sie niemanden sieht. Noch nicht einmal sich selbst, da sie ihre Haare nicht macht, der Blick in den Spiegel entbehrlich ist.
Sie sitzt dann lange auf dem Stuhl und legt die Hände in den Schoß. Hände, die einst viel erlebten und nun weiß und wächsern von blauen Adern durchwebt sind.
Es riecht alt. Auf den Kunstblumen sammelt sich Staub, auf dem Schrank und auf dem Bilderrahmen des Druckes von Rafaels Katharina.
Das lichte Blumenmuster der Tapete hat sich eingetrübt, ist abgenutzt entlang der Fußleisten und um die beiden Lichtschalter.
Das Zimmer ist hoch und wächst immer höher über sie hinaus, über ihre kleine Gestalt, die sich im Schrumpfen beugt.
Beim Erheben schaut sie aus dem Fenster. Erst weiter entfernt, dann nähert sie sich der Scheibe und erstaunt. Das Glas beschlägt durch ihren warmen Atem. Sie ist noch da.
Der Bulle senkt sein mächtiges Haupt. Drüben, auf der anderen Seite der Arena. Jack beobachtet ihn und wandert mit den Augen zum Hut, seinem Stetson, der verstaubt zwischen ihm und dem Bullen liegt. Jack, der den Stetson nur beim Rodeo trägt, konnte ihn heute nicht halten, als er vom Rücken des tobenden Tieres geschleudert wurde.
Jetzt will er ihn holen, will dem Publikum zeigen, dass er ein guter Reiter ist.
Der Bulle schnaubt. Kommt er aus seiner Ecke, wenn Jack vom Gatter steigt? Langsam lässt Jack sich runter, geht bedächtig zu seinem Pferd, den Bullen im Blick, setzt sich in den Sattel, ruhig und wachsam. Die Arena ist totenstill.
Unvermittelt springt Jack mit seinem Hengst in den Galopp. Er muss sich an der Seite des Pferdes herablassen, um galoppierend den Stetson zu erwischen. Der Bulle reagiert augenblicklich und stürmt Jack entgegen. Die Hufe des Pferdes eilen über den Boden, berühren ihn kaum. Der Hengst schwitzt, Jack schwitzt. Der Bulle rast. Hinter beiden wühlen Staubwolken.
Jack muss sich entscheiden, muss in Sekunden beurteilen, ob er eine Chance hat. Reitet er weiter und ergattert seinen Hut, wird das Publikum ihn umjubeln. Doch sollte der Bulle schneller sein, wird nicht nur der Stetson zerfetzt.
Jack hat sich entschieden. Er fährt am nächsten Morgen in die City und taxiert die Angebote in den Auslagen. Er hatte seinen Stetson bei Kelly’s gekauft und es wird wohl auch der Laden für den neuen sein.
Wir saßen auf der Bank vor dem Monument. Es war recht warm an diesem Nachmittag Mitte Mai und wir fanden es angenehm, draußen zu sitzen. Wenn ich wir sage, muss ich anfügen, dass es zunächst kein Wir gab, wir kannten uns nicht einmal. Es waren zwei Ichs, die dort auf der Bank in der City of London saßen. Während Taylor, das eine Ich, die Zeitung las, machte ich mir Notizen für eine geplante Bewerbung. Wir hatten uns nur oberflächlich wahrgenommen: ist der Platz noch frei? Ja, bitte.
Nach einer Weile fragte Taylor, ob die Zeitung, die zwischen uns lag, mir gehöre. Nein, die muss wohl jemand liegen gelassen haben. Gut, dann guck‘ ich mal rein. Wollen Sie die Times lesen? Oh, tatsächlich, ich wäre am Stellenmarkt interessiert.
Und so begann unser Gespräch. Über mein Studium: ach, Management Assistant, sehr interessant, und Marketingkommunikation, doch, eine zentrale Anforderung. Und sein Unternehmen: Consulting, ja, viel Planung und Beratung. Nein, nicht so groß. Strategien, Zielsetzungen. Worte wechselten. Standards. Analyse. Hin und zurück. Corporate Identity, Kampagnen. Und, was schreiben Sie? Wir landeten bei Erwartungen und Zielen.
Inzwischen arbeite ich schon zwei Jahre bei Taylor. Meine Bewerbung ist über den Entwurf nie hinausgekommen und den Stellenmarkt der Times habe ich bis heute nicht gelesen.
Wenn wir neue Ideen brauchen, sitzen wir oft auf der Bank vor dem Monument.
Es hieß, Herr Kobayashi verlor seinen rechten Fuß durch eine Mine. Er muss noch jung gewesen sein, als er in der Kaiserlich Japanischen Armee gegen die Amerikaner kämpfte. Darüber reden wollte er nie.
Als er es sich leisten konnte, eine Prothese anfertigen zu lassen, wollte er es nicht. Die Menschen sollten sehen, was Kriege anrichten. Herr Kobayashi lief weiter auf seinen Krücken durch die Straßen. Seine Verbitterung konnte er nie ganz hinter der Freundlichkeit verstecken.
Als Herr Kobayashi gestorben war, stellte seine Tochter die Krücken neben den Laden, den er so lange führte. Ein Laden, der nun wohl geschlossen blieb, denn wer wollte heute noch solch ein Geschäft betreiben.
Beim Anblick der Krücken hielten die Menschen, die Herrn Kobayashi kannten, inne und dachten an den alten Mann, wie er auf seinem Schemel saß und ihre Uhren, Radios und Haushaltsgeräte reparierte. Neben ihm lehnten stets die Holzkrücken.