Im Quartier der Albergheria

Vom Palermo Centrale kommen wir im vierten Kapitel ins Quartier der Albergheria. Es ist lebendig im ältesten Viertel der Stadt, doch gibt es auch Probleme.

Mercato di Ballarò

Er ist bunt, voller Gerüche und es sollen über zwanzig Sprachen sein, die hier gesprochen werden. Der Markt Ballarò ist das, was der Tourismus gerne vorweist und der daher entsprechend verklärt wird. Einzigartig sei er, der älteste Palermos und er zeige die Seele Siziliens, geprägt von der Begegnung zwischen Italien und Nordafrika. Und diese Stimmung ist erlebbar. Neben dem vielfältigen Angebot verschiedenster Obst- und Gemüsesorten bekommt man auf dem Ballarò alles andere, was so zum Alltag benötigt wird – vom Topf bis zum Putzmittel. Dazwischen finden wir einfache Restaurants und Garküchen, bei denen es Gerichte wie Caldume gibt – Kalbspansen mit Zwiebeln und Sellerie.

Zur Bewahrung des historischen Charakters hat sich ein Verein gegründet, der sich um den Markt, den Handel und die damit in Zusammenhang stehenden Interessen kümmert. Interessen, die auch Anliegen der Anwohner*innen berücksichtigen – von der Verkehrsführung und Problemen der Nachtruhe bis zur Abfallentsorgung und Fragen der Nachhaltigkeit. Daneben geht es um wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen des Areals und die damit im Zusammenhang stehende Sensibilisierung für die  historischen Besonderheiten des Ballarò Viertels.

Molti Volti

Gleich hinter dem Mercato treffen wir in der Via dei Biscottari auf das Molti Volti. Es wird mit Viele Gesichter übersetzt, doch würden wir dem Wortklang folgend wohl Multi Kulti sagen. Es ist eine multikulturelle Einrichtung mit einem Restaurant, Co-Working-Space und Begegnungsort von und für Menschen unterschiedlicher Nationen und Ethnien. Es werden Seminare veranstaltet, Stadtbesichtigungen, Ausflüge und Reisen organisiert. Das Restaurant zeichnet sich dadurch aus, dass es Gerichte aus verschiedenen Regionen der Erde anbietet, zubereitet von einem Team, das aus fünf unterschiedlichen Ländern stammt.

Das Molti Volti wurde gegründet, um soziale Aktivitäten zu unterstützen und zu koordinieren. Der Name des Hauses wird durch viele Gesichter illustriert, die auf die Wände gemalt sind. Im Außenbereich hängt ein Transparent mit der Forderung nach Gerechtigkeit für Mario Paciolla. Der italienische Aktivist ist unter ungeklärten Umständen in Kolumbien tot aufgefunden worden. Neben dem Eingang sind Flugblätter und Infos an die Wände geklebt und der Lega Nord Politiker Matteo Salvini wird angeprangert. Ja, die Albergheria ist politisch. 

Die Albergheria

L’Albergheria, die Herberge, erhielt ihren Namen durch eine Umsiedlung von Einwohner*innen, die sich 1243 gegen die Autorität Friedrich II. auflehnten. Das älteste Viertel Palermos bot ihnen zwangsweise eine neue Heimat. Auch heute ist das Viertel von vielen Bewohner*innen nicht ganz freiwillig gewählt. Viele Flüchtlinge, die ihren Weg nach Sizilien gefunden haben, konnten in der Albergheria preiswerten Wohnraum finden. Am Ende des 19. Jahrhunderts gab es Ansätze, das Viertel neu zu gestalten. Die alten Stadtmauern wurden abgerissen, sodass heute nur noch vereinzelte Reste zu entdecken sind. Doch die geplanten Sanierungen und Neubauten zogen sich über Jahrzehnte hin und wurden letztlich nicht realisiert. 

Zu den Abrissen kamen die Zerstörungen aufgrund der Bombardierungen im zweiten Weltkrieges und es gab weitere Schäden durch ein Erdbeben im Jahr 1968. Die Menschen lebten in halb zerstörten Häusern und Baracken. Wirtschaftliche Krisen und eine hohe Arbeitslosigkeit verstärkten den Niedergang des historischen Viertels. Die Kriminalität wuchs und die Mafia war lange Zeit die einzige Organisation, die sich um die Menschen kümmerte – wenn auch immer im Zusammenhang mit den eigenen Interessen, Gewinnen und dem Ausbau von Macht und Unterdrückung. Seit einigen Jahren gibt es unter dem Bürgermeister Orlando einen Sanierungs- und Entwicklungsplan, der auch soziale Gegebenheiten berücksichtigt. 

Den Häusern im Viertel ist anzusehen, dass hier Menschen mit geringem Einkommen leben. Es ist einfach und viele versuchen, sich ihren Bereich individuell zu gestalten. Dies macht die Gegend lebendig, wirkt aber auch einem geschlossenen Stadtbild entgegen. Die prekäre Situation der Menschen wird auf dem Mercato dell’Albergheria deutlich, den wir in Richtung der Kirche San Francesco Saverio ansteuern.

Mercato dell'Albergheria

Der lange Zeit unkontrolliert expandierende Flohmarkt wird seit einem Jahr durch einen Verein verwaltet, da die Stadt forderte, dass der Markt entweder reguliert oder geschlossen wird. Verkäufer*innen müssen sich seitdem registrieren und die Herkunft ihrer Waren belegen. Nun gibt es 160 Registrierte, die ihre Waren jeden Tag außer montags auf dem Mercado dell’Albergheria anbieten. An Wochenenden werden vierzig weitere Händler*innen zugelassen, die ihre Waren im Umfeld des sogenannten Piazza San Benedetto il Moro anbieten. Der Sportplatz wird nach einem auf eine Hauswand gemalten Bildnis des Franziskanermönches benannt, dessen Vorfahren afrikanische Sklaven waren und der heute einer der Schutzheiligen Palermos ist.

Eine andere Wand zeigt die Bildnisse von Pasquale Ferrara und Giuseppe Giuffrida, die 17jährig bei einem Unfall auf der Flucht vor der Polizei starben. Sie wurden zu einem Symbol des sozialen Unbehagens der armen Bevölkerung gegenüber der Polizei.
Wenn der Markt beendet ist, wandern alte, unverkäufliche oder kaputte Waren in die Müllcontainer. Diese werden dann wieder untersucht, ob sie nicht Dinge erhalten, die doch noch zu gebrauchen oder zu verkaufen sind. Damit versorgen sich Menschen, denen selbst das Geld fehlt, sich die gebrauchten Sachen auf dem Markt zu kaufen. Manchmal bieten sie es neben den Containern erneut zum Verkauf.

San Giovanni degli Eremiti

Vom Mercato dell’Albergheria gehen wir in Richtung des Corso Vittorio und kommen in eine Gegend, die wieder mehr vom Tourismus frequentiert wird. Hier steht die Kirche San Giovanni degli Eremiti. Schon im 6. Jahrhundert wurde an dieser Stelle eine Kirche nebst Kloster erwähnt. Die sarazenischen Eroberer sollen die Kirche in eine Moschee umgewandelt haben, bevor sie im 12. Jahrhundert durch die Normannen wieder zu einer Kirche umgebaut wurde. Die Kirche mit den typisch roten Kuppeln ist von einem Klostergarten und einem beschaulichen Kreuzgang umgeben, in dem wir uns gerne aufhalten. 

Im Innern ist die Kirche schmucklos und schlicht. Sie erinnert an die Chiesa di San Cataldo, die wir im vorigen Kapitel besichtigt hatten und sie ist wie diese Teil des arabisch-normannischen Weltkulturerbes von Palermo. Nur an einer Stelle finden wir eine verblasste Wandbemalung. Wahrscheinlich war die gesamte Kirche einst an den Wänden bemalt, doch verschwanden diese Malereien im Laufe der Jahrhunderte. Da es keinerlei Möblierung gibt, wirkt der Raum nur durch seine quadratischen Baukörper und die von Fenstern und Nischen umrahmten Kuppelgewölbe. Diese Schlichtheit verleiht dem Raum etwas durchaus spirituelles.

Ein Gebäude des ehemaligen Klosters beherbergt ein kleines Museum mit Ausstellungsstücken aus der Kirchengeschichte. Dinge, die vielleicht für das Leben im Kloster und dessen Geschichte interessant sind, die aber für das heutige Erscheinungsbild der Kirche wenig Relevanz haben. Von der Straße aus haben wir nochmals einen Blick auf den Kirchenbau, der von dieser Seite größer und kompakter wirkt als von der Gartenseite. Hier schottet sich der Bau ab und verliert seine durch den Garten gewonnene Lieblichkeit. Wir gehen die Straße ein Stückchen weiter und kommen zur benachbarten Kirche San Giorgio in Kemonia.

San Giorgio in Kemonia

Den Turm der benachbarten barocken Kirche hatten wir schon vom Klostergarten aus gesehen. Neben dem normannischen Weltkulturerbe fällt diese Kirche enorm ab, sie ist aber als Gotteshaus ausgestattet und bietet der Bevölkerung die christliche Liturgie. Die Kirche steht auf einem Grundstück, auf dem es schon im 4. Jahrhundert einen frühchristlichen Kirchenbau gegeben haben soll. Das äußere Erscheinungsbild des Barock wird im Innern durch Elemente des Neoklassizismus und des Rokoko überhöht, wirkt jedoch durch abgehängte Fenster und gespannte Netzte eher muffig.

Im rechten Halbkreis des Altarraums hängt eine Kopie des Bildes Spacimo di Sicillia von Raffael. Das Original wurde 1517 für die Kirche Santa Maria dello Spasimo gemalt, die wir im zweiten Kapitel in La Kalsa besichtigt hatten. Der Transport des Bildes nach Sizilien glich einer Odyssee und es dauerte Jahre, bis es in Palermo ankam. Nach napoleonischen Plünderungen landete das Gemälde zweihundert Jahre später in Paris und hängt heute im Prado in Madrid. Die hier hängende Kopie von Jacopo Vignerio aus dem Jahr 1541 soll aber eine passable Arbeit sein.

Eine Besonderheit der Kirche ist die Möglichkeit, den Glockenturm zu besteigen. Wir bekommen Helme, um uns auf dem niedrigen Treppenaufgang nicht den Kopf zu verletzten und haben von oben einen imposanten Rundblick über Palermo. Über den Dächern sehen wir die Kuppel der Kathedrale zwischen dem davor liegenden Park Villa Bonanno und dem Monte Pellegrino. In diesen Park und die angrenzende Via Emanuel Vittorio führt uns unser Weg im nächsten Kapitel.

Nächstes Kapitel:
Entlang der Via Vittorio Emanuele
– noch nicht erschienen –

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