Das historische Viertel La Kalsa

Im zweiten Kapitel erkunden wir das Viertel La Kalsa mit Palästen, Kirchen und einem Oratorium, mit dem Botanischen Garten und einer Promenade am Mittelmeer.

Foro Italico

Eine große Grünfläche bildet den Foro Italico im Stadtviertel La Kalsa – zwischen der Altstadt und einer am Meer entlang führenden Promenade. Hier haben wir einen freien Blick aufs Mittelmeer, wobei der Kontakt zum Wasser durch einen breiten Steinwall verhindert wird, einem Wall, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus Trümmern der Altstadt aufgeschüttet wurde. Seit den 2000er Jahren wird der Foro Italico als Naherholungsgebiet ausgebaut und die Palermitaner*innen wandeln heute an der Promenade oder joggen im Park. Es gibt sogar die direkte Berührung mit dem Wasser, wenn es auch nur die verbliebenen Pfützen der überspritzenden Gischt sind.

Die Promenade endet am kleinen Fischerhafen von Sant’ Erasmo. Durch die Renovierung des Hafens im Jahr 2019 wurde den Fischern wieder eine Möglichkeit gegeben, mit ihren Kuttern in der Altstadt anzulegen und diese direkt mit frischem Fisch zu beliefern.

Wir gehen die am Foro Italico langführende Strada Statale zurück und passieren einen Gedenkstein an den in Palermo geborenen Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der mit seinem einzigen Roman Il Gattopardo einen posthum erschienenen Welterfolg schrieb.
Dier Fußweg wird hier von kleinen, Prinzessinnen genannten Keramik-Pollern  flankiert, die von Nino Parrucca geschaffen wurden und an denen die Zeit nagt.

Gegenüber des Foro Italico steht der im 19. Jahrhundert gebaute Pavillon Palchetto della Musica. Als sich hier einst der Adel und das Bürgertum verlustierten, wurde die Sommerfrische durch Klänge lieblicher Symphonien von einem hinter ionischen Säulen sitzenden Orchesters belebt. Jetzt rauscht der Verkehr.
Neben dem Palchetto kommen wir gleich zum Palazzo Butera, einem der für uns beeindruckendsten und interessantesten Gebäude Palermos.

Palazzo Butera

Der Palazzo Butera wurde 2016 von Francesca und Massimo Valsecchi gekauft und aufwendig renoviert. Das Sammlerpaar öffnete ihn anschließend einem breiten Publikum. Auf der Homepage heißt es: Der Palast ist ein offenes Labor, das Geschichte, Kunst und Kultur in einer interdisziplinären Übung zusammenführt, um Lösungen für die gesellschaftliche Entwicklung zu finden. Offen für die Stadt Palermo und die Welt darüber hinaus. Bei der Renovierung werden Wandgemälde freigelegt sowie Besonderheiten, wie die Wurzel des im Hof stehenden Jacaranda Baumes, die sich einen Weg in einem mit Majolika-Keramik verziertem Abfluss gesucht hat.

Das Untergeschoss zeigt neben dem wunderschön gestalteten Innenhof Räume mit zeitgenössischer Kunst. Wir sehen eine Ausstellung mit Werken des Mailänder Künstlers Eugenio Ferretti und des Briten David Tremlett. Die Arbeiten stehen auf dem Boden und bleiben damit in ihrer Anordnung flexibel. So regen sie dazu an, sie in der Vorstellung miteinander auszutauschen und neue Bezüge zu bilden.
Die vier Ausstellungsräume werden durch eine metallene Brücke verbunden, die einen anderen Blick auf die Kunst und die Räumlichkeiten ermöglicht. 

Im ersten Obergeschoss kommen wir auf eine imposante Terrasse. Von hier gibt es einen visuellen und akustischen Zugang zum nahe gelegenen Meer. Die Räume im Obergeschoss sind in kräftigen Farben gehalten und mit wertvollen antiken Möbeln ausgestattet. Zu den Möbeln werden Bilder aus verschiedenen Epochen gehängt, darunter eine größere Auswahl von Arbeiten des Londoner Künstlerpaares Gilbert & George. Aber es werden auch Künstler*innen eingeladen, um sich direkt auf die Räume zu beziehen. So haben die Französin Anne Poirier und ihr Mann Patrick einen Raum mit einem eigens dafür gestalteten Teppich und farbigen Spiegeln ausgestattet.

Immer wieder treffen wir auf eine originale und behutsame Renovierung des Palastes aus dem 18. Jahrhundert, wie dem imposanten Treppenhaus mit Pfeilern aus tiefrotem Marmor, das von einem Deckenfresco überspannt wird. In den 1920er Jahren wurden zerstörte Fresken mit farbigen Flächen übermalt. Diese Gestaltung greift David Tremlett in seiner aktuellen Arbeit auf, indem er Decken und Wände mit geometrischen Mustern bemalt. In einem hellen Raum laden Patrick und Anne Poirier zur Einkehr. Auf dem Boden bilden Linien geometrische Formen und an den Wänden tauchen kaum wahrnehmbare Begriffe auf, die wir bereits im Hof gelesen haben: Memoria, Storia, Tempo. 

Die Gestaltung und der Aufbau des Palastes werden immer wieder sichtbar gemacht. An einer Stelle können wir im Boden durch Glasscheiben auf die Struktur der darunter liegenden Wände blicken. In einem Raum wurde die Renovierung des Deckenfresco nicht abgeschlossen, sondern wir gucken auf die Holzkonstruktion, die das Fresco hält. Diese Holzkonstruktion wird uns auch von oben gezeigt, wenn wir weiter ins Dachgeschoss gehen.
Die verschiedenen Perspektiven, die uns im Palazzo Butera geboten werden, ermöglichen einen Blick auf ungewohnte, neue und neu arrangierte Zusammenhänge. Ein guter Weg, um Lösungen für die gesellschaftliche Entwicklung zu finden.

Auch im Dachgeschoss begegnen wir wieder aktueller Kunst: hier the End auf  komplementär farbigen Tafeln.
Drüber führt eine Treppe auf einen kleinen Turm mit einer Terrasse, von der wir einen grandiosen Rundblick über Palermo haben. Ein wunderbarer Abschluss der Besichtigung dieses imposanten Palastes.

Piazza Marina

Giardino Garibaldi auf der Piazza Marina
Büste im Giardino Garibaldi auf der Piazza Marina - Palermo il secondo
Büste im Giardino Garibaldi auf der Piazza Marina - Palermo il secondo
Büste im Giardino Garibaldi auf der Piazza Marina

Vom Palazzo Butera gehen wir durch die Vicolo Niscemi zur Piazza Marina. Im zentralen Giardino Garibaldi treffen wir neben der Büste des Namensgebers Giuseppe Garibaldi auf die von Rico Albanese und Nicolae Balcescu. Und wir treffen auf eine mächtige Ficus Macrophylla, eine großblättrige Feige. Die Luftwurzeln des Baumes bilden nach und nach neue Stämme, die wie Pfeiler im Raum stehen. Das Exemplar im Zentrum des Piazza Marina soll eines der größten in Europa sein. Weitere Feigenbäume werden wir später im Botanischen Garten sehen.

Östlich des Parks steht der Palazzo Chiaramonte, auch Steri genannt. Der kubische Bau mit einem quadratischen Innenhof wurde im 14. Jahrhundert gebaut und hat eine wechselvolle Geschichte. Vom Palast der Adelsfamilie Chiaramonte wurde er zum königlichen Gerichtshof und anschließend vom Inquisitionsgericht zur Unterkunft der Armen, bis er heute das Rektorat der Universität beherbergt. Die verzierten und mit Säulen versehenen Fenster prägten den Begriff Chiaramontestil.

Auf dem Platz in La Kalsa sehen wir den Triumphwagen der Santa Rosalia. Die Heilige starb 1170 in der Höhle des Monte Pellegrino, die wir zum Ende unserer Stadterkundung besichtigen werden. Seit 1624 wird zu Ehren der Santa Rosalia ein Fest veranstaltet und jedes Jahr wird ein neuer Wagen gebaut, der die Prozession vom 10. bis 15. Juli anführt. Dieser steht dann über das Jahr auf der Piazza Marina.

Von der Piazza gehen wir die Via del Quattro Aprile und die Vicolo della Salvezza, schmale Gassen, in denen dennoch Autos parken und ein Durchkommen für weitere Autos kaum möglich ist. Aber es ist erlaubt und wird daher auch praktiziert. Wir gehen die Gassen in Richtung des Oratorio dei Bianchi

Oratorio dei Bianchi

Ein Oratorium ist ein privater oder halböffentlicher Gebetsraum, der sich nicht in Kirchenbauten befinden muss. Das Oratorio dei Bianchi wurde auf dem Platz einer ehemaligen Kirche gebaut und diente der Bruderschaft des Heiligen Kreuzes. Der Name Bianchi stammt von der weißen Kleidung, die die Bruderschaft trug, als sie zum Tode Verurteilte begleiteten. Im Eingangsbereich des Oratorio dei Bianchi befinden sich Stauten von Altären, die sich in der Kirche und im Kloster San Giuliano befanden, die dem Bau des Theartro Massimo weichen mussten.

Über eine breite Treppe kommen wir im Obergeschoss in die Haupthalle, die mit Fresken des spätbarocken Malers Gaetano Mercurio geschmückt ist. Das Gemälde im Hauptaltar zeigt eine Kreuzabnahme des klassizistischen Malers Antonio Manno. Der Raum ist unmöbliert und wirkt eigentümlicher leer. Es könnte ein Tanzsaal in einem Palast sein. Der Boden ist mit einem Ornament aus Kacheln gepflastert, die abgenutzt und teilweise ersetzt sind.
Als wir das Oratorio verlassen, fällt unser Blick auf eine große Zeichnung, die auf einem gegenüberliegendem Abbruchhaus angebracht ist. Eine skurrile Tier-Mensch-Figur und ein Totenschädel.
Wir gehen weiter in die Via Nicolò Cervello, kommen am Palazzo Forcella de Seta vorbei und enden an der Porta Reale.

Villa Giulia

Die Porta Reale, das königliche Tor, kann zum palermitanischen Verwirrspiel beitragen, da es auch Porta Carolina, Porta delle Vittorie oder Porta di Santa Teresa genannt wird. Die beiden Pfeiler des Tores bilden den Abschluss der Häuserreihe der Via Nicolò Cervello und führen über konkave Flügel in die Via Lincoln. Im linken Flügel befindet sich die Bar e Pasticceria Rosanero. Sie lockt mit einem großen Angebot an Kuchen und anderen Leckereien. Wir entscheiden uns für Tortine ai frutti di bosco zum Cafe Americano.

Gegenüber der Porta Reale befindet sich der Park Villa Giulia. Es war der erste öffentliche Park Palermos, angelegt im Jahr 1778 vor den einstigen Mauern der Stadt am Rand des Viertels La Kalsa. Entworfen wurde der Park vom Architekten Nicolò Palma, der ihm eine strenge quadratische Form gab. Um den zentralen Platz gruppieren sich vier Exedren, vier nischenartige Räume oder Kapellen, die sich dem Platz öffnen. Im antiken Griechenland waren die Exedren ein Separee, in denen man sich zum Gespräch oder Vorlesen traf. So passten sie gut zum neoklassizistischen Stil des Parks. Am Ende des Parks sehen wir Gasometer der Firma AMG Energia, die die Mauer überragen.

Orto Botanico

Zurück auf der Via Lincoln kommen wir bald zum Eingang des Botanischen Gartens, dem Orto Botanico, der hier nur ein Jahr nach dem Villa Giulia errichtet wurde. Das mit vier Säulen ausgestattete Gymnasium war ursprünglich das Hauptgebäude der königlich-botanischen Lehranstalt. In den Nebengebäuden befinden sich Pflanzen, die ein wärmeres Klima benötigen.
In einem Bereich des Gartens treffen wir auf eine Wiese mit  Fächerpalmen. Und wir sehen wieder mächtige großblättrige Feigenbäume. Einer hat mit seinen Wurzeln Säulen umwachsen, die als Blumenständer dienen. Der heute größte Baum wurde im Jahre 1845 von den Norfolk Inseln im pazifischen Ozean importiert.

Uns beeindruckt die Vielzahl an Blüten und Früchten – auch jetzt noch im schon kühler werdenden Oktober. Wir werden aber nicht alle gesehen haben, denn es sollen etwa 12.000 verschiedene Arten sein, die hier im Botanischen Garten wachsen. 

Da sind doch die hier abgebildeten 25 Blüten und Früchte nur ein bescheidener Einblick in die vorhandene Fülle.

Über die Gärten wurden Pflanzen in Europa eingeführt, die hier wegen des milden Klimas kultiviert werden konnten. So wurden die ersten europäischen Mandarinenbäume gezüchtet. Die Zitrusfrüchte, die wir sehen, scheinen allerdings eher Pampelmusen zu sein.

Der Botanische Garten wurde angelegt, um dem 1779 eingerichteten Lehrstuhl für Botanik und Heilkunde die Erforschung von Pflanzen mit medizinischem Nutzen zu ermöglichen. Bis heute wird der Garten von der Universität Palermo als Lehr- und Forschungsanlage genutzt. Im Laufe der Jahre wurden mehr und mehr Gewächshäuser errichtet, in denen tropische und subtropische Pflanzen kultiviert werden. Das älteste Gewächshaus, genannt der Giardino d’Inverno, war ein Geschenk von Maria Karolina von Österreich, Königin von Neapel-Sizilien.
Wir verlassen den Orto Botanico und sehen über dem gegenüberliegenden Garten bereits die Mauern des Spasimo.

Santa Maria dello Spasimo

Eine der wenigen gotischen Kirchenbauten Palermos existiert heute nur noch als Gerippe. Und der Bau wurde nie wirklich als Kirche genutzt, sondern als Teil der Verteidigungsanlage, als Lazarett und Kornspeicher, als Armen- und Krankenhaus. Bereits im 16. Jahrhundert diente das Kirchenschiff für Theateraufführungen und war damit das erste öffentliche Theater der Stadt. Als das Gewölbe des Mittelschiffs im 18. Jahrhundert einstürzte, wurde es nie wieder aufgebaut. Nach einer Renovierung wird der Bau seit nun 25 Jahren für kulturelle Veranstaltungen genutzt, als Freilichttheater, für Konzerte und Ausstellungen.

Der Eingangsbereich führt zunächst ins ehemalige Krankenhaus, in dessen Räumen sich heute die Stiftung The Brass Group befindet. Die Stiftung betreibt hier das Jazz Museum, die Popular School of Music und veranstaltet Konzerte mit zeitgenössischer Musik. Das als Kloster angelegte Gebäude umschließt einen Innenhof, in dessen Mitte der Klosterbrunnen steht. Auf dem Gelände entdecken wir Steine, die einst einen anderen Brunnen umschlossen haben.

Die hohen Räume des Kirchenschiffs schaffen eine besondere Atmosphäre. Die Leere und die schmucklosen, nach oben strebenden Wände wirken zugleich robust wie erhaben. Das offene Mittelschiff führt über den Raum hinaus und schafft damit eine Verbindung zum Himmel, wie es sich die gotischen Baumeister nicht besser gewünscht haben können. Auf dem als Bühne genutzten ehemaligen Altarraum tagt gerade eine Gruppe. Um den Kirchenbau finden wir ein großzügiges Gelände der einstigen Gemüsegärten und Werkstätten. 

Vor dem Komplex kommen wir auf die Piazza dello Spasimo. Abgestellte Elektroroller warten auf Spazierende, die genug gewandert sind. Doch wir gehen weiter zu Fuß und sehen am Eingang der Via della Vetriera ein Haus, dessen Fenster zugemauert sind. Davor wirken Gerippe von Balkonbrüstungen wie eine künstlerische Intervention. Um die nächste Ecke erreichen wir den Piazza Magione.

Piazza Magione

Der quadratische Platz im Zentrum von La Kalsa war einst ein Wohnviertel, welches 1943 durch Bombardierungen vollständig zerstört wurde. Bis in die 1960 Jahre standen hier verbliebene Reste der Häuser, die dann bis auf die Grundmauern abgetragen wurden. Die Sockel der Grundmauern bilden bis heute eine Struktur auf der Piazza Magione und einen Gedenkort an das einstige Viertel. Ausgrabungen unter dem Platz brachten Strukturen einer alten ismailitischen Dynastie zutage – von einem im 9. Jahnhundert entstandenen ersten arabischen Viertel in Europa.

Die Piazza Magione bildet heute einen großzügigen Platz für Treffen und Veranstaltungen. Und hier finden die Feierlichkeiten zum Gedenken an das Massaker von Capaci satt, bei dem Falcone getötet wurde. Ein Gedenkstein auf dem Platz erinnert an ihn und sein Geburtshaus, dass an dieser Stelle stand: In dankbarer und bewundernder Erinnerung an Giovanni Falcone, der am 20. Mai 1939 an diesem Ort geboren wurde. 

Der Platz bekam seinen Namen durch die dort stehende Kirche Santissima Trinità della Magione oder kurz: La Magione. Von der Straße gehen wir zunächst durch ein barockes Eingangstor in den Hof, in dem der normannische Kirchenbau steht. Anders als gotische Kirchen der Zeit hat diese normannische keine Türme und wirkt wuchtiger. Das Kirchenschiff ist eher schlicht und fällt durch hohe, steile Wände auf. Die Kirche bekam vom Papst den Ehrentitel einer Basilica minor, wodurch sie eine besondere Hervorhebung erfährt und eine stärkere Bindung an den Papst erhalten soll. 

Durch die Kirche kommen wir in den Kreuzgang des ehemaligen Klosters. Hier erleben wir den besonderen Charme von Kreuzgängen. Ein geschichtsträchtiger Hof mit einem Säulenumgang, der zur Besinnung einlädt. Neben dem Kreuzgang gibt es ein weiteres Gebäude mit einer kleinen Kapelle. Auf dem Gang dorthin kommen wir an einer Säule vorbei, die arabische Schriftzeichen trägt. Vielleicht stammt diese noch aus der Zeit, als hier eine Moschee stand, die für den Kirchenbau abgerissen wurde. Die barocke Kapelle ist mit Devotionalien ausgestattet und hat etwas heimelieges.

Palazzo Mirto Casa

Über die Via Merlo kommen wir zum Palazzo Mirto Casa. Die normannische Adelsfamilie Filangieri bewohnte den Palast in La Kalsa seit dem 13. Jahrhundert und deren letzte Erbin Donna Maria Concetta Lanza Filangieri di Mirto vermachte den Palast 1982 der Region Sizilien, um ihn als Museum zugänglich zu machen. So können wir heute durch die Säle schlendern und sehen, wie sich der Adel einrichtete.

Viele Paläste in Palermo stehen heute leer oder werden anderweitig genutzt. Im Palazzo Mirto können wir dagegen wirklich einen Eindruck davon bekommen, wie die Filangieris, die Gravinas und die Lampedusas residierten. Prächtig ausgestattete Räume mit Wandteppichen und chinesischen Lacktafeln, die ihr Licht von Murano-Kronleuchtern erhalten. Möbel und Musikinstrumente, auf denen Berühmtheiten wie Richard Wagner gespielt haben sollen, Gemälde und Vitrinen mit Porzellan und edlen Uhren. In der repräsentativen ersten Etage sind elf Säle nebst neun Nebenräume derart exklusiv ausgestattet. 

Das Obergeschoss ist weniger feudal und man kann sich gut vorstellen, wie Donna Maria Concetta dort ihren Alltag verbrachte. Auch hier gibt es mehrere repräsentative Räume, doch ist die Ausstattung weniger prunkvoll und letztlich wird sich auch beim Adel das Leben auf eine Ecke des vorhandenen Raumes beschränkt haben. Im Untergeschoss können wir die Küchen, Räume für die Hauswirtschaft, die Pförtnerloge und Ställe mit einer Auswahl an Kutschen besichtigen. Solch ein Leben konnte sich irgendwann dank der entstandenen Republik nicht mehr behaupten. Giuseppe Tomasi di Lampedusa beschreibt in seinem Roman Der Leopard eindrücklich den Machtverlust sizilianischer Adelsfamilien am Ende des 19. Jahrhunderts. 

La Kalsa

Das Viertel La Kalsa, dass wir in diesem Kapitel durchwandert haben, war einst das arabische Viertel Al-Khalesa. Es wurde im 9. Jahrhundert erbaut und war mit einer Steinmauer umgeben, die den Palast des Emirs beherbergte. Jahrhunderte später verfiel das Viertel nach der Bombardierung durch die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg und wurde teilweise als illegale Müllkippe genutzt. In den verbliebenen Häusern und illegal bewohnten Ruinen wuchs die Kriminalität und die verwinkelten Gassen wurden zu einer Hochburg der Mafia. Doch La Kalsa verändert sich seit Jahren, wird zunehmend wiederaufgebaut und ist heute ein beliebtes Ausgehviertel mit Restaurants, Geschäften und Galerien. Wir schlendern die Via Alessandro Paternostro entlang und kommen am Palazzo Cattolica vorbei. 

Durch eine Holztür an der schmalen Straße kommen wir in den großzügigen Hof dieses aristokratischen Palastes. Das heute als Wohnhaus genutzte Gebäude umschließt einen mit Säulen und Arkaden verzierten Hof, der von Autos zugeparkt wird. Uns erinnert der Baustil an die feudalen Häuser in der Altstadt von Neapel und vielleicht gibt es eine städtebauliche Verbindung aus der Zeit, als Neapel zum Königreich Sizilien gehörte.

Wir gehen die Via Alessandro Paternostro weiter und kommen zu dem sehr angesagten und in jedem Reiseführer erwähnten Restaurant Antica Focacceria San Francesco. Wir haben nicht ausprobiert, ob es seiner Rolle gerecht wird.
Je näher wir dem Corso Vittorio kommen, desto belebter werden die Gassen. Tourist*innen bewegen sich gerne in den Gegenden, die bekannt und abgesichert sind.

An dieser Straße liegt neben anderen kleinen Manufakturen und Buchläden auch der Laden der Edizioni Precarie. Die Architektin Carmela Dacchille hatte 2013 die Idee, aus besonderen Papieren, die zum Einschlagen von Waren auf den Märkten benutzt werden, Hefte zu gestalten. Jeder Marktstand in Palermo nutzt ein individuelles Papier und die Edizioni Precarie macht draus in Handarbeit Unikate, die als Notiz- und Tagebuch, für Blöcke, Schreibpapier und Rezeptbücher genutzt werden können. Oder einfach als ein schönes Objekt.
Wir gehen die Via Alessandro Paternostro bis zum Ende und stoßen wieder auf die Via Vittorio Emanuele und den Quattro Canti.

Hier schließt sich das erste Mal der Kreis auf unserer Stadterkundung von Palermo. Kurz vor Wiedererreichen des Quattro Canti blicken wir zwischen den Häusern auf die Piazza Pretoria mit einem besonderen Brunnen, den wir zu Beginn des nächsten Kapitels umrunden werden.

Hinweis:
Die Fotografien können durch anklicken vergrößert werden.
Wenn man dann auf den Pfeil in der rechten oberen Ecke des Fotos klickt, startet eine Diashow aller Fotografien.

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